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Pflege lehren - was braucht es dafür?

Donnerstag, 05.09.2019

Oliver Proksch ist Absolvent des Masterlehrgangs "LehrerInnen der Gesundheits- und Krankenpflege" und hat kürzlich seine Masterarbeit im Springer Verlag publiziert. Sein Buch "Wahrnehmungszentrierte Didaktik in der Pflegeausbildung" zeigt auf, wie Lehrkompetenzen in der Pflegepädagogik umgesetzt werden sollten. Als Pflegepädagoge mit Schwerpunkt Gesundheitsförderung und -erziehung weiß der Autor, wovon er spricht. Ein Interview.

Mit welchen emotionalen Herausforderungen sehen Sie das Lehrpersonal in Krankenpflegeberufen in den nächsten Jahren konfrontiert?

Proksch: Der Wechsel von einer schulischen zu einer universitären Ausbildung ist wohl an kaum einer Lehrperson der Gesundheits- und Krankenpflege spurlos vorübergegangen. Die Inhalte vieler Lehrpläne des BScN-Studiums fußen im Prinzip noch auf dem „offenen“ Curriculum  des ÖBIG aus dem Jahr 2004, das jedoch für das Regelschulsystem ausgelegt ist. Der effektive Umgang mit Vor- und Nachpräsenzphasen, selbstverantwortlichem Lernen und Prüfen ist nicht nur für junge StudentInnen schwer. Auch das Lehrpersonal ist mit einem Paradigmenwechsel konfrontiert. Die vertraute Nähe zu den SchülerInnen - und somit auch die Möglichkeit Werte zu vermitteln - wird oft zu einer anonymen und distanzierteren Form des Unterrichts. Damit muss auch das Lehrpersonal umgehen lernen.

Wie ist es machbar, dass aufgrund des gesellschaftlichen Bedarfs in noch kürzerer Zeit qualitative Ausbildung in der Pflegebranche umgesetzt wird?

Proksch: Damit Studierende dies schaffen, ohne dass das „eigentliche“ Wissen über Pflege zu kurz kommt, benötigt es unterrichtende Menschen mit Liebe und Leidenschaft für ihren Beruf. Eine gute Lehrkraft vermittelt nicht nur Wissen und Können, sondern öffnet auch Auge und Herz für das Wesentliche. Eine Möglichkeit, diese Aufgabe umzusetzen, ist es, den Fokus des Unterrichtens vermehrt auf die Wahrnehmung der einzelnen Lernenden zu lenken. Das erfordert keine Umstellung der Lehrmethoden, sondern vielmehr eine wahrnehmungszentrierte Grundeinstellung und Geisteshaltung von Unterrichtenden.

Welche Werte sind im Berufsfeld am wesentlichsten und sollten von Lehrenden unbedingt vorgelebt werden?

Proksch: Wie in allen Berufen ist es auch in der Gesundheits- und Krankenpflege so, dass viele Pflegende stark unterschiedliche Werte, Meinungen und Ideale vertreten. Zum Glück! Denn diese Diversität macht unsere Vielfalt aus. So sehe ich es als eine wichtige Eigenschaft der Pflege zu diesen eigenen Werten zu stehen. Eine fundierte eigene Meinung zu haben. Diese zum Wohl der PatientInnen zu vertreten ist manchmal eine recht harte Herausforderung. Die Kunst der Lehrenden ist es, Werte und Wissen für alle Studierenden so zu interpretieren, dass dieser Stimulus fördernd ist und Interesse wie Neugierde weckt. Gepaart mit Achtung vor dem, was und wie wahrgenommen wird, erzeugt dies eine Lernumgebung, die Spaß macht, fruchtbar und produktiv ist. Oder wie Friedrich Nietzsche dies ausdrückte: „Die Glücklichen sind neugierig“.

Wo sehen Sie derzeit noch großen Aufholbedarf in der Pflegepädagogik?

Proksch: Sehr viele Pflegepädagogen verfügen über langjährige Erfahrung, handwerklichem Geschick und Können, sowie einem fundierten Wissen. Die Schwierigkeit der Vermittlung liegt meines Erachtens daran, dass die Wahrnehmung aller Studierenden unterschiedlich ist. Wahrnehmungszentrierter Unterricht ist keine Methode. Nichts, das man lernen kann. Vielmehr geht es in erster Linie um eine innere Einstellung und Haltung der Lehrpersonen. Ausschlaggebend bleibt immer das Verständnis der Lehrpersonen „wie“ und nicht „was“ durch Lernende aufgenommen wird. Es gibt keine einzelne wahrnehmungszentrierte Handlung von Lehrenden. Durch eine achtsame, wertschätzende und individuell empathische Lebenseinstellung, sowie eine positive Erwartungshaltung in die Fähigkeiten der Studierenden, kann eine Beziehung aufgebaut werden. Diese begünstigt einen dauerhaften Lernfortschritt.

Woran orientieren Sie sich als Lehrender?

Proksch: Aus konstruktivistischer Sicht gibt es keine ikonische Übereinstimmung von Wissen, da jedes Individuum die Eindrücke seines Umfeldes anders interpretiert. Man kann aber Wissen und Erkenntnis sehr nahe anpassen. Meine Orientierungspunkte im Unterricht sind somit die Lernenden selbst. Durch stetes Abgleichen der Wahrnehmung kann man der Vorstellung der Anderen näherkommen. Durch Darstellung der eigenen Wahrnehmung können so in einem offenen Unterricht alle voneinander lernen. Der tolle Nebeneffekt dabei ist: Es gibt sehr oft kein absolutes Richtig oder Falsch. Nur andere Darstellungen des Erlebten.

Braucht es mehr Fortschritt oder braucht es mehr Stimme? Woran liegt es, dass nicht mehr Menschen und mehr Nachwuchs in der Pflegebranche Fuß fassen? Wie könnte das Berufsfeld für die Allgemeinheit attraktiver werden?

Proksch: Nach „Presse“-Darstellung1 der letzen Wifo-Studie (03/2019) benötigt Österreich bis zum Jahr 2030 rund 24.000 zusätzliche Pflegekräfte. Mit einer besseren Bezahlung (alleine) ist diese erforderliche Anzahl an Pflegepersonen nicht zu stemmen. Auch eine erweiterte Ausbildung, also Fort- und Weiterbildung, Aufstiegschancen und Spezialisierung sind Motivation. Letztlich wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben als den Beruf selbst attraktiver zu gestalten: flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitangebote, Sabbatical, Job-hopping, Pensions-Gleitmodelle, länderübergreifende Austauschmodelle, verbesserte Sozialleistungen,… und vor allem ein besseres Ansehen in der Gesellschaft.

1 Link zum Artikel in "Die Presse"

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