Was war der ursprüngliche Impuls, alle Weiterbildungskompetenzen und Angebote in einer Weiterbildungsorganisation zu bündeln?
Alfred Gutschelhofer: Ich habe immer gesagt, Praxis ist die heiligste Form der Theorie und letztendlich sollte man beides an Universitäten anbieten können. Universitäten verfolgen gemäß dem humboldtschen Modell die forschungsgeleitete Lehre und stellen naturgemäß eine theoretische Sichtweise in den Vordergrund. Für Menschen, die im Berufsleben stehen oder Familie haben, braucht es flexible Wege, um genau das Wissen zu erhalten, das sie in ihrem beruflichen Kontext brauchen. Daher ist es als größte Universität in der Steiermark notwendig, dass man flexibel ist und den Markt versteht. So entstand die Idee einer begleitenden Gesellschaft – einer Organisation, die genau das leisten kann. Mit UNI for LIFE haben wir diese Brücke in die Praxis gebaut.
Wie kam der Name UNI for LIFE zustande? Was war die Idee dahinter?
Alfred Gutschelhofer: Wissen dreht sich heute in einem Tempo, das eine einmalige Grundausbildung nicht mehr abdecken kann. Es erfordert, dass man über den Zeitraum eines Lebens immer wieder nachjustieren muss. Gelichzeitig durchlaufen Menschen Lebensphasen, in denen sich Prioritäten verschieben. Wenn man bedenkt, dass man zum Beispiel während der Familiengründung eine Zeit hat, wo Veränderung oder unter Umständen ein Karriereknick warten, dann kann man gerade in solchen Phasen mit Weiterbildung gegensteuern und unterstützen. Aber auch in anderen Momenten, bei einem Burnout, einer Midlife-Crisis oder ähnlichem, kann Bildung ein Schlüssel sein. Die Idee war es, gesellschaftspolitische Anliegen besser abzudecken. Die Universität soll in diesem Verständnis eine Partnerin fürs Leben sein. Eine Institution, die Menschen in all ihren Lebensphasen stärkt. Darum: UNI for LIFE.
Welche Rolle spielt lebenslanges Lernen heute im Vergleich zu 2006?
Alfred Gutschelhofer: Es ist schneller geworden, es ist rapider und radikaler geworden. Es hat sich 2006 schon abgezeichnet, dass man mit dem Wissen, das man an der Universität bekommt, ein Rüstzeug erhält, wie man an Probleme herangeht. Doch aktuelles Fachwissen, neue Technologien und moderne Zugänge sind essenziell, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Und dieses Wissen hat sich rasant verändert. Ich denke, dass hier lebenslanges Lernen der einzige Schlüssel ist, um eine Wissensgesellschaft aufrechtzuerhalten. Die Universität Graz ist nicht nur die zweitälteste Universität in Österreich sondern auch eine der größten. Wir haben einen tollen Fächerkanon, aber ich glaube, es ist auch unsere Aufgabe, dass wir auch als Plattform und als Anker für die ganze Gesellschaft auftreten: Ein Ort, an dem Wissen entsteht, geteilt wird und in die Gesellschaft zurückfließt.
Welche Entwicklungen der letzten 20 Jahre hätten Sie sich damals niemals vorstellen können?
Alfred Gutschelhofer: Wenn man sich die Entwicklungen anschaut, haben wir uns immer mehr entfernt davon, dass man einmal eine Ausbildung bekommt und dann ein Leben lang davon zehren kann. Es geht immer mehr darum, dass man ein Rüstzeug bekommt, um sich permanent mit Wissen neu versorgen zu können. Das war eigentlich schon vor 20 Jahren das Gebot der Stunde und hat sich nun verstärkt.
Was ich nicht ganz voraussehen konnte, war, wie schnell sich eigentlich die Wissensvermittlung, die Wissensbeschaffung und die gesamte Vernetzung entwickeln hat. Damals waren Smartphones erst am Kommen. Heute tragen wir Geräte mit uns, die leistungsfähiger sind als frühere Stand-PCs. Das hat nicht nur den Zugang zu Wissen verändert, sondern auch unser Verhalten im Umgang damit und hat unmittelbaren Einfluss darauf wie sich Wissensvermittlung verändert hat.